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Stationen der Armut - mit den OB-Kandidaten

Das Bündnis Sozial gerechtes Hagen (Dekanat Hagen-Witten, Kirchenkreis Hagen und DGB-Kreisverband Hagen) begrüßten die OB-Kandidaten, der im Rat vertretenen Parteien, am Mittwoch (5. August) zu der Veranstaltung Stationen der Armut in Hagen. Dechant Dieter Osthus und Superintendent Bernd Becker mahnten die Kandidaten: "Einer von ihnen wird der neue Oberbürgermeister sein. Wir als Bündnis stehen dafür, dass der Arme in der Stadt Hagen in ihrem Bewusstsein ist."

Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Sozialrundfahrt mit den Kandidaten für das Amt des Hagener Oberbürgermeisters: Josef Bücker (Hagen aktiv), Hans – Otto Marscheider (Bürger für Hagen), Joachim Riechel (GRÜNE), Ingo Henschel (Die Linke), Jochen Weber (SPD), Jörg Dehm (CDU), (erste Reihe von links)

Alle sieben Parteikandidaten (bis auf Klaus Thielmann (FDP), der sich durch Victor Dücker vertreten ließ) nahmen die Gelegenheit wahr, exemplarisch fünf Einrichtungen, an denen Armut in Hagen sichtbar wird, zu besuchen. Ziel des Bündnisses war, den Wahlkampf zu nutzen, um auf die steigende Armut in Hagen aufmerksam zu machen und das Handlungskonzept der Kandidaten kritisch zu prüfen. In Hagen gelten 17% der Menschen als armutsgefährdet, das sind ca 33.000 Menschen. Das ist eine Größenordnung wie Wehringhausen, Altenhagen und die Mittelstadt zusammen. Längst ist Armutsgefährdung in Hagen kein Randproblem mehr. Auch Stadtteile wie Eckesey und Haspe-Zentrum sind betroffen.
Angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise wächst die Gefahr, dass sich die Probleme in der kommenden Zeit weiter verschärfen. Nicht nur in Hagen wird das eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahre in der Kommunalpolitik sein.

Stationen der Armut
Das Jugendzentrum paulazzo (Ev. Jugend) ist für viele Jugendliche in Wehringhausen der einzige Ort, wo sie konkrete Unterstützung durch Hausaufgabenhilfe und ein warmes Essen erfahren. In der Emil-Schumacher-Grundschule steigt die Zahl der Kinder aus armen Familien ständig. Lernschwächen, Konzentrationsstörungen und soziale Vernachlässigungen sind die Folgen. Lehrerinnen und Erzieherinnen der OGS (offene Ganztagsbetreuung) bemühen sich nach Kräften um jedes Kind, können aber oft nicht aufholen, was über Jahre versäumt wurde. Viele Kinder ihre erste Mahlzeit am Tag in der OGS.
Im Roncalli – Haus in Boele können sich Hartz IV – Empfänger mit günstigen Lebensmitteln versorgen. Neben Beratung und Information über Sparen von Energiekosten wird auch hier ein warmes Mittagessen angeboten. Genutzt wird das Angebot von Menschen jeden Alters. Der Bedarf steigt. Armut heißt eben auch, zu entscheiden, ob die gesparten 30 € entweder für Winterschuhe, Schulbücher oder für gestiegene Energiekosten ausgeben werden können.
Eine weitere Station war der Werkhof - Möbel und mehr (Eckesey), wo Menschen mit geringem Einkommen können sich hier mit Mobiliar versorgen, dass andere dort entsorgt haben. Wer Glück hat, kann ein gebrauchtes Sofa oder einen Schrank für 1,-€ erstehen.
Als letzte Station ist Luthers Waschsalon im Bahnhofsviertel besucht worden. Vor Ort konnten sich die Teilnehmer einen Eindruck verschaffen, was es bedeutet, wenn Menschen keine eigene Waschmaschine haben, keinen Ort für soziale Kontakte und keine Krankenversicherung. Medizinische Versorgung, ein Frühstück, Beratung und die Möglichkeit, sich und seine Kleidung zu waschen, wird hier geboten.

Was waren die Eindrücke dieses Tages?
Im Diakonischen Zentrum an der Lutherkirche fand ein Abschlussgespräch mit stand. Ein Team von Experten (unter anderem die Leiterin der Arge, Eva Kaus-Köster, der Leiter des Amtes für Jugend und Soziales der Stadt Hagen, Gerd Steuber und der Leiter des Hagener Arbeitslosenzentrum, Kurt Bernhofen) begleiteten die Diskussion. Alle Anwesenden begrüßten die Arbeit des Bündnisses und erklärten sich zur Zusammenarbeit nach der Wahl bereit. Das Engagement der Einrichtungen hat beeindruckt.

In den Statements wurde deutlich, dass es eine große Bandbreite der Notwendigkeiten zur Armutsbekämpfung gibt. Die Lösungsansätze waren dabei sehr unterschiedlich: Vom Hinweis auf die defizitäre Haushaltslage über notwendigen Bürokratieabbau, der Einrichtung von Elternschule bis zur Forderung Land und Bund in ihre Pflicht zu nehmen.

Auch, wenn die Meinungen im Detail auseinandergingen, so waren sich doch alle Kandidaten darin einig, dass die gravierenden Probleme der Armut in der Stadt Hagen, wie sie auf der Sozialrundfahrt erkennbar waren, von keinem Oberbürgermeister und keiner Partei allein gelöst werden können. "Wir müssen im Gespräch bleiben, uns zusammensetzen, einen runden Tisch bilden", so das erklärte Ziel aller Kandidaten.

"Zentrale Aufgabenstellung für die Politik wird eine sozial-gerechte Stadt Hagen sein, unabhängig davon, wer am Kommunalwahltag Oberbürgermeister werden wird", fasste Marquardt das Ergebnis des Tages zusammen.